Tausende von Büchern in meinem Bücherschrank - aber manche lohnen sich, einfach noch einmal gelesen zu werden. Jeden Tag ein neuer Vorschlag für ungewöhnliche Lesestunden - Ein wildes Sammelsurium des geschriebenen Wortes.
Dieses mal ein Sachbuch von 1987 (englisches Original: 1984):

Robert Axelrod: Die Evolution der Kooperation (Original: The Evolution of Cooperation)


Meine Wertung: Wertung: 5 von 5 Sternen

Die Frage hört sich erst einmal seltsam an, aber sie ist sehr nachdenkenswert: Warum handelt jemand ehrlich? Volkes Stimme hat dazu eine klare Meinung: "Der Ehrliche ist der Dumme" erklärt das Bestsellerbuch wie der Stammtisch gleichermaßen und lamentiert darüber, dass jeder, der Gesetze einhält, nicht betrügt, Geschäfte nach Treu und Glauben abwickelt, von jedem böswilligen Betrüger und Mitmenschen übers Ohr gehauen werden kann. Und am Ende mit leeren Händen dasteht.
Auf der anderen Seite ist die Realität aber nicht wirklich so: Wir haben jeden Tag dutzende von Möglichkeiten, die Mitmenschen ungestraft zu übervorteilen, und in den meisten Fällen tun wir es nicht.
Natürlich, wir haben heute Gesetze und Sanktionen. Aber wie kam es dann überhaupt in der menschlichen Evolution dazu, dass faires, ehrliches Verhalten überhaupt eine Überlebenschance bekommt? In Zeiten vor der Konstruktion des Staates und der Gesellschaft?
Wenn sich zwei Urzeitmenschen gegenüber stehen und einen Tausch machen wollen: Hat denn nicht der Betrüger immer einen Vorteil, wenn er nur nimmt und nichts gibt (sondern statt dessen abhaut, so schnell ihn die Füße tragen)?
Warum haben wir genetisch in unserem Inneren so eine feine Stimme für Fainess oder Gerechtigkeit? Anscheinend sind wir alle Abkömmlinge von einer langen Reihe erfolgreich/fairen Lebewesen.
Aber: warum haben sich nicht die Betrüger durchgesetzt?
Oder anders herum: Kann faires Handeln sich überhaupt evolutionär selbst entwickeln? David Axelrod ist dieser sehr philosophischen Frage auf sehr handfeste Weise nachgegangen: Er hat sich ein einfaches Modell der Interaktion ausgedacht: zwei Händler stoßen aufeinander.
Es gibt 4 grundsätzliche Möglichkeiten: Beide handeln ehrlich (kleiner Gewinn für beide), A betrügt B (großer Gewinn für A), B betrügt A (großer Gewinn für B), oder A und B betrügen sich Gegenseitig (kein Gewinn für beide).
Um festzustellen, welche Handlungsweise welche Ergebnisse ergibt, hat Axelroth sich unterschiedliche Startegien ausgedacht: Immer ehrlich, immer betrügen, zufällig handeln, ab und zu mal betrügen etc etc. Dann erstellte er eine Computersimulation und ließ Tausende dieser künstlichen Wesen aufeinandertreffen und schaute, was das Ergebnis dieser Interaktion war.

Nach einigen hundert Begegnungsrunden wurde der Erfolg oder Mißerfolg jedes einzelnen Simulationswesen gezählt. Die erfolgreichen Strategien wurden dann vermehrt, die Erfolglosen wurden in ihrer Zahl reduziert.

Das Ergebnis nach einigen Generationen war tatsächlich so, wie es der Pessimist in uns erwarten würde: Die Betrüger, die Unehrlichen, blieben übrig, die Kooperativen (die Ehrlichen) starben aus.

Doch dann stattete Axelrod seine Simulationswesen mit etwas Besonderem aus: Mit einem Gedächtnis. Jedes der "Wesen" konnte sich erinnern, wie die letzten Geschäfte mit anderen Individuen jeweils ausgegangen sind. Hat er mich betrogen? Gab es einen ehrlichen Handel?

Und jetzt wandelte sich das Bild völlig. Jetzt waren eine neue, ganz eigene Klasse von Taktiken der große Gewinner: Taktiken, die einen Betrug bei Wiederbegegnung durch eigenen Betrug vergalten, ansonsten aber bei fairem Handel auch ein fairer Handelspartner blieben.
Die betrügerischen Taktiken wurden plötzlich zu einen Randgruppe, weil auch die "harmlosen" Taktiken (die immer ehrlichen), die man ungestraft betrügen konnte, nicht die erfolgreichste Gruppe war.
In dieser Konstellation genügten schon wenige Individuen, die untereinander robust fair agierten, dass sich diese im Gefolge immer stärker vermehrten. Die "Sanftmütigen" und die "Bösen" blieben Randgruppen, das Wachstum der einen beförderte dann jeweils die Gruppe der anderen und führte dann durch Rückkopllung wieder zur eigenen Reduktion.

Die unterschiedlichen Tatiken und Überlegen der sozialen Interaktion werden in diesem Buch genau diskutiert und mit den experimentellen Ergebnissen untermauert: Was ist mit Taktiken der "harten Bestrafung"? Ist es erfolgreicher, im ersten Versuch einen Betrugsversuch zu machen? Für jede unserer philosophischen Verhaltensregeln wurde eine Simulationsregel entwickelt und ihre Ergebnisse im Buch diskutiert.

Und die absolut erfolgreichste Taktik? Interessanter Weise war es eine der Einfachsten: "Tit for Tat"

Bei der ersten Begegnung bin ich fair. Ist es der andere auch, bleibe ich dabei. Werde ich betrogen, betrüge ich beim nächsten Mal auch (Auge um Auge), reagiere aber nicht über, sondern schalte dann wieder versuchsweise auf fairen Handel um.
Diese Handlungsweise des Vertrauens und begrenzten Bestrafens ist selbstorganisierend, fördert sich gegenseitig und ist am erfolgreichsten von allen Handlungsweisen.

Und wenn wir in uns hineinlauschen, finden wir in uns das Echo dieser Handlungsweise als ethische Anleitung für unser Leben wieder. Wir sind Kinder der fairen Händler.
Schön zu wissen, dass der Ehrliche evolutionär nicht der Dumme ist...
Der Beitrag wurde am Freitag, 11. Februar 2011 veröffentlicht und wurde unter dem Topic 100 Buecher abgelegt.
'100 Books ~ Tag 14: Robert Axelrod - Die Evolution der Kooperation'

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