Kurzgeschichten sind eine ganz besondere Sorte von Literatur: Kompakte Geschichten, verdichtet auf das Wesentliche. Die Kunst, mit wenigen Worten trotzdem große Dinge zu erzählen. Hier eine Sammlung meiner liebsten 100 Kurzgeschichten, von Science Fiction, über Krimi bis Horror. Alle ungewöhnlich. Alle lesenswert.
(Dabei verwende ich die Bezeichnung "Kurzgeschichte" in einer sehr weiten Definition : Siehe auch meine Einleitung)

Dieses mal eine philosophische SF-Kurzgeschichte


Robert Scherrer - Decartes's Stepchildren
Entnommen aus "ANALOG - Science Fiction and Facts" Januar 2013

Meine Wertung: Wertung: 5 von 5 Sternen

Philosophische Fragen sind in der Science Fiction ein geradezu klassisches Thema. Viele Romane und Erzählungen beziehen ihre Faszination aus der Anwendung von philosophischen Überlegungen auf neue, unbekannte Situationen, deren konsequentes Durchdenken überraschende Konsequenzen aufzeigt.
Was bedeutet eine "Nichteinmischungsdirektive" in die Geschicke fremder Welten in aller Konsequenz? Muss ich mich ihr selber unterwerfen, auch wenn es als Strafe Tod und Folter bedeuten würde? Welche Werte muss (oder darf ich) als naturgegeben und universell ansetzen – mit ebenfalls allen Konsequenz bei ihrer Durchsetzung?
Wo endet unsere Definition des 'Menschseins'?
Die innere Faszination solcher philosophischer Fragen auf die Menschen ist überraschend hoch, wenn sie nur populär und verständlich umgesetzt werden – der Kinoerfolg von Geschichten wie "A.I." oder "Minority Report" (welcher sich mit Schicksal und Bestimmung auseinandersetzt) zeigt unser Interesse an der Beleuchtung von philosophischen Grundüberlegungen.
Dabei bietet die SF aber oftmals nur die Spielfläche, um diese Regeln in neuem Licht zu betrachten. Seltener ist es, dass grundsätzliche philosophische Fragen um gänzlich neue Überlegungen angereichert werden.
Das ist natürlich auch kaum zu fordern – ist doch die Philosophie, ehemals die griechische Königsdisziplin zur Erklärung aller Phänomene der Welt, im Laufe der Jahrhunderte auf die grundsätzliche Fragen des Menschseins verengt worden. 'Wer sind wir?', 'was ist (unser) Sinn?', was ist 'richtiges Handeln'? Man ist geneigt zu sagen, dass die meisten dieser grundsätzlichen Fragen schon umfassend behandelt worden sind (ohne sie einer endgültigen Klärung zuführen zu können). Neue Fragestellungen sind hier selten, und manchmal sieht man auch in der so gadget-verliebten Science Fiction gar nicht, welche interessanten Fragen bestimmte Techniken aufwerfen würden.
Ein Beispiel? Gerne: Die Idee des Materietransmitters (zerlegen einer Person in ihre Atome, erneutes zusammensetzen dieser dann am Ziel), eines der Grundelemente vieler Science Fiction Romane und Filme, wirft bei genauerem Nachdenken eine schwierige philosophische Frage auf:
WER wird eigentlich am Zielort wieder zusammengesetzt? Wenn ich auf diese Methode zerlegt und transportiert werde: Ist die dort entstandene Kopie meiner selbst immer noch ICH? Fühle ICH mich als diese Person, oder ist einfach ein Klon von mir entstanden, mit einem eigenen, neuen ICH-Bewußtsein? Bin ICH danach tot?
Eine wirklich clevere Fragestellung. Leider wurde sie meines Wissens nach nicht von Science Fiction Autoren gestellt, sondern von Geisteswissenschaftlern (Bitte nachlesen in Douglas Hofstadters hervorragendem "Einsichten ins Ich" (1991, Klett-Cotta): Dort gibt es ein Essay mit einem einfachen logischen Beweis, dass so ein Transport mit meinem Tod als SELBST endet).

Umso überraschter war ich, als ich vor wenigen Tagen eine Kurzgeschichte gelesen habe, die eine neue, hochinteressante philosophische Frage aufwirft, die ich in dieser Form noch nirgends gefunden habe.
Und das in der amerikanischen Januar-Ausgabe von Analog. Nichts gegen Analog – aber nicht der Ort, wo man unbedingt neue philosophische Überlegungen erwarten würde. Unspektakulär eingequetscht zwischen Brad R. Torgersens "The Exchange Offizier", eine Geschichte über eine Kriegsaktion im Weltall, durchgeführt mit ferngesteuerten Körpern, und Amy Thomsons eher konventionelle "Buddha Nature".

Und da steckt sie. Ein Kleinod.
Robert Scherrers "Descartes's Stepchildren", eine Novelette, deren Handlungslogik vielleicht nicht in allem einer realistischen Hinterfragung standhält, die aber eine wirklich interessante Frage aufwirft und mit einer möglichen Antwort spielt.

Die Frage, um die es dabei geht, ist sehr clever gestellt. Sie beginnt mit der Grundfeststellung, dass jeder von uns sich als SELBST, als denkend-fühlendes Individuum erlebt.
Wie schon vor Jahrhunderten von Geisteswissenschaftler konstatiert, können wir aber bei genauerer Betrachtung nicht mit Sicherheit sagen, dass dies für andere auch gilt.
Ist mein Gegenüber auch ein erlebtes SELBST, fühlt er sich als Individuum? Die Philosophie sagt: wir können es nicht wissen, nur beobachten. Aber wir gehen davon aus, dass es so ist, weil wir in unserem Gegenüber die Reaktionen und Gedanken erkennen, die auf ein SELBST hindeuten.
Eine ähnliche Fragestellung wurde mit dem sogenannten "Turing-Test" vor Jahrzehnten für die Frage nach "Intelligenz" beantwortet. Der Mathematiker und theoretische Informatiker Allan Turing hat ihn entworfen, um die Fragestellung "Hat eine Maschine Intelligenz?" in diesem Sinne ganz pragmatisch zu beantworten. Da wir nicht wissen (können?), was Intelligenz ausmacht, müssen wir uns an die Ergebnisse halten.
Vereinfacht geht der Turing-Test so: Ich stelle beliebige Fragen an jemand hinter einem schwarzen Vorhang, ohne zu erkennen, ob es sich um Mensch oder Maschine handelt (Mit allen Verschleierungen: Antworten werden nur schriftlich gegeben, ich kann keine Rückschlüsse aus den Reaktionszeiten ziehen etc). Kann ich anhand der Antworten nicht unterscheiden, ob es sich um einen Mensch oder eine Maschine handelt, dann liegt (bei der Maschine) offensichtlich Intelligenz vor.

Der Turing-Test wird gerne zitiert. Weniger oft wird darüber gesprochen, dass der Turing-Test eine deutliche Schwäche aufweist. Wie sich herausgestellt hat, ist es relativ einfach, eine Software zu schreiben, die durch entsprechende inhaltliche, psychologische und semantische Tricks dem Gegenüber weismacht, dass hier ein menschliches, intelligentes Wesen antworten würde. Home-PC-Softwareprogramm wie Eliza, recht simpel gestrickt, haben in den Achtzigern viel User tatsächlich glauben gemacht, sie könnten eine künstliche Intelligenz vor sich zu haben. Alles Taschenspielertricks. Doch es macht auch deutlich, dass das Bestehen eines Turing-Tests kein grundsätzlicher Beweis für Intelligenz ist. Es handelt sich möglicherweise auch um ein sehr cleveres mechanisches Nachahmen, keine intelligentes Verhalten.

Scherrer stellt dann in seiner Kurzgeschichte eine grundsätzliche Frage: Ist Intelligenz und bewusstes SEIN voneinander abhängig?
Kann es Lebewesen geben, die sich Intelligent (oder menschlich) verhalten, und trotzdem sich nicht als SELBST fühlen? Würde ein komplexer Computer, der sich intelligent menschlich verhält, zwangsläufig ein Bewusstsein haben? Entwickelt ein Computerprogramm Bewußtsein? (Anfang der 90er hat der Informatiker und Science Fiction Autor Vernor Vinge in "Ein Feuer auf der Tiefe" dies bejaht. Er kokettierte damit, dass komplexe "Rezepte" (Computerprogramme) ab einer bestimmten Stufe ein eigenes Bewusstsein entwickeln - doch das bezog sich auf ein Universum, in dem nicht unsere Gesetzmäßigkeiten galten).
Heutzutage kennen wir verflucht komplexe Computerprogramme, doch keiner kam bisher auf die Idee, Ihnen ein SELBST-Gefühl zu unterstellen.
Wenn aber das eine mit dem anderen nicht zwangsläufig zusammenhängt: Kann es dann Menschen geben, die zwar wie Menschen funktionieren, reagieren, interagieren - damit nicht von 'normalen' Menschen unterscheidbar sind - die aber trotzdem kein SELBST-Empfinden haben, sondern nur eine mechanisches Vorgaukeln des selben?

In seiner Kurzgeschichte geht er davon aus, dass das SELBST-Gefühl in uns aufgrund einer Mutation in einer Struktur in unserem Gehirn entstanden ist, lange, nachdem der Mensch Intelligenz entwickelt hat. Doch die Mutation betrifft nicht alle. Bei einem speziellen Scan von Gehirnen entdeckt die Hauptperson der Handlung das Zentrum des SELBST-Gefühls in unserem Gehirn - und auch, dass 10% der Bevölkerung dieses Zentrum gar nicht haben. Was bedeutet das? Sind diese Menschen sie damit nur clevere Automaten, denen etwas grundsätzliches Menschliches abgeht? Und die damit auch ihren Status als echte Menschen verlieren? Obwohl sie sonst gar nicht zu unterscheiden sind?
Scherrer ist sehr pessimistisch. Er nimmt an, dass die Menschen diesen Teil der Menschheit als minderwertig betrachten und ihnen ihre Menschenrechte absprechen würden. Kinder mit dieser Veranlagung abtreiben, Menschen ohne SELBST als eine Art von Zombie betrachten und sie wie Tiere behandeln würden.
Und natürlich lässt er seine Hauptperson dies in besonderer Weise als Gewissensproblem erleben, als diese in der Handlung entdeckt, dass seine über alles geliebte Frau auch zu diesen leeren Menschen gehört.

Eine klasse Idee, über die es sich lohnt, einmal länger nachzudenken und zu philosophieren.

Leider ist die Kurzgeschichte in ihrer Gestaltung der Handlung nicht ganz so souverän. Die Idee, wie der Geist dieser Erkenntnis wieder in die Flasche zurückgebracht wird, um einen normalen Umgang unter den Menschen zu ermöglichen, ist handwerklich solide, aber ein bisschen naiv und würde so nicht funktionieren.
So entsteht eine Novelle, die wirklich gut ist, der aber das kleine Quantum fehlt, um sie als genial zu bezeichnen.
Trotzdem: Es wäre schön, diese Geschichte auch im Deutschen zu lesen.
Der Beitrag wurde am Mittwoch, 23. Januar 2013 veröffentlicht und wurde unter dem Topic 100 Kurzgeschichten abgelegt.
'100 Kurzgeschichten ~ Tag 19: Robert Scherrer - Descartes's Stepchildren'

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