Locker und freundlich!
von Klaus Marion.

Veröffentlicht in VORSICHT 3/2012

Zu den wichtigen Dingen im Leben gehört ein entspannender Sport. So wusste schon Turnvater Jahn, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist lauert, und in diesem Sinne versuche ich ebenfalls, meinem Körper regelmäßig Gutes zu tun.
Dabei ist besonders der Laufsport zu erwähnen, bei dem während eines abendlichen, gemütlichen Joggens die Sorgen des Alltags verschwinden, Ruhe in die Seele einkehrt und man eins wird mit der friedlichen Natur.



Es war ein kalter Winterabend. Gut eingepackt in passende Laufkleidung, bewegte ich mich locker auf meiner üblichen Tour am Stadtrand entlang. Der Abend war klar, und mit jedem tiefen Atemzug sog ich die erfrischende und die Gedanken klärende Luft ein. Verschiedene mir entgegenkommende Läufer begrüßte ich mit einem gefälligen Winken, wir Läufer sind eben ein freundliches Völkchen.
Ich war gerade eine viertel Stunde unterwegs, als ich hundert Meter vor mir einen in die gleiche Richtung trabenden Amateursportler erblickte.
Läufer, die sich in die gleiche Richtung bewegen, unterteilen sich in zwei klar unterschiedene Gruppen. Da sind zum einen die Anfänger und unsportlicheren Zeitgenossen, die sich wild vor sich hin schnaubend mit der Geschwindigkeit einer Schildkröte im gesetzteren Alter vorwärts bewegen. An diesen trabe ich dann mit einem freundlichen Nicken vorbei, nicht zuletzt an meine untrainierten Anfängerzeiten denkend, bei denen jeder gequälte Atemzug der Letzte zu sein schien. Auf der anderen Seite gibt es die Läufer, die plötzlich und unerwartet pfeilschnell an einem vorbeiziehen und binnen Sekunden am Horizont verschwinden. Meistens sind sie vom Typ "jugendlicher Vereinsfußballspieler", und ich gestehe diesen neidlos zu, dass sie mindestens doppelt so schnell sind wie ich.
Und dann gibt’s da noch die Läufer, die genauso schnell sind wie man selber. Die spielen aber keine Rolle.
Der bewusste Läufer vor mir war eindeutig etwas langsamer unterwegs als ich, also schätze ich ab, dass ich ihn binnen der nächsten Minuten erreicht und dann langsam überholt haben müsste. Kaum hatte ich mich bis auf ca 30 Meter an ihn herangearbeitet, schien der Abstand sich nicht mehr so deutlich zu verringern. Offensichtlich hatte mein Läuferkollege den von hinten nahenden Feind bemerkt und hatte seine Schritte beschleunigt.
Das war ja lächerlich. Um jetzt nicht Zentimeter für Zentimeter an der vor mir laufenden Gestalt peinlich vorbeiziehen zu müssen, beschloss ich, meine Laufgeschwindigkeit auf Spurttempo zu erhöhen, damit ich nach einem klaren Überholmanöver dann wieder zur Normalgeschwindigkeit zurückzukehren konnte.
Ich spurtete also los.
Interessanter Weise schien das den Läufer vor mir anzuspornen, die Demütigung eines Überholmanövers unter allen Umständen zu vermeiden. Er rannte jetzt ebenfalls. Mein Vorhaben, mit einem milden Lächeln vorbeizuziehen, erwies sich als schwieriger als gedacht. Aber hier zeigt sich, woraus der echte Sportler geschnitzt ist. Im 100-Meter-Spurttempo zog ich langsam an ihm vorbei, einen indignierten Blick auf sein rot verzerrtes Gesicht und sein japsendes Atmen werfend. Wie mitleidserregend! Zwar konnte ich aufgrund meines heftigen Luftsaugens nicht das Vorhaben verwirklichen, ihm einen lockiges "n'Abend" zuzuwerfen, immerhin gelang es mir jedoch, ihm mit einem Lächeln zuzunicken. Naja, zumindest das Nicken war möglich, das Lächeln war eher grimassenhaft, wegen der zusammengebissenen Zähne. Ich bemühte mich, den Überholvorgang ohne tiefes Atmen vorzunehmen, nichts wirkt so lächerlich, wie ein japsender und nach Luft ringender Läufer.
Endlich war ich an dem Mann vorbei. Jetzt musste er nur noch wieder langsamer werden, damit ich auch wieder zu meinem normalen Tempo zurückkehren konnte. Leider bewies mir ein kurzer Blick über die Schultern, dass mein Kontrahent überhaupt nicht daran dachte, sich so geschlagen zu geben. Mit geschlossenen Augen, die Nüstern gebläht, rang er verzweifelt nach Luft und versuchte, sein Tempo weiter zu steigern. Jetzt verließ auch mich die Contenance. Wer im Sport nicht verlieren kann, ist in der Welt der Hobbyläufer fehl am Platze. Ich würde diesem widerlichen Wurm schon zeigen, wo der Hammer hängt. Ich begann die Länge meiner Schritte zu steigern und mit weit geöffnetem Mund zu atmen. Zentimeterweise schien ich mich von der Gestalt hinter mir zu entfernen. Nein, jetzt begann er aufzuholen! Der Pulsmesser meiner Laufuhr informierte mich darüber, dass der Pulsschlag außerhalb des Messbereichs wäre und empfahl dringend die Alarmierung eines Notarztes. Ich warf die Uhr beiseite, In der Hoffnung, durch Reduzierung von Ballast die entscheidenden Sekundenbruchteile gutzumachen. Mein Atem ging wie eine Dampflok, während die Gestalt jetzt fast auf einer Höhe mit mir war. Dich. Mach. Ich. Fertig! Ich beschleunigte erneut. Da, in etwa 500 Metern, war die Abzweigung zu mir nach Hause. Ich sah Punkte vor meinen Augen. Wenn dieser wildgewordene Zwerg ebenfalls dort einbiegen sollte, müsste ich mich geschlagen geben. Ich überlegte, auf das nutzlose Atmen gänzlich zu verzichten und legte los zu einem letzten, verzweifelten Spurt. Muskeln schrien, Gelenke krachten. Tatsächlich: Ich gewann etwa einen Meter Vorsprung, bog ab und machte mit einer lässigen Handbewegung diesem anmaßenden Wicht klar, wer hier das sportliche Sagen hat. Und während ich noch verzweifelt nach Luft rang, kroch ich langsam auf allen Vieren die Stufen unseres Hauses hoch. Meine Frau bemerkte überrascht, dass ich heute eine Viertelstunde früher da wäre.
Ich signalisierte ihr, dass die entspannende Wirkung des Amateursports mich so beflügelt hätte.
Der Beitrag wurde am Freitag, 31. August 2012 veröffentlicht und wurde unter dem Topic Satiren - VORSICHT abgelegt.
'Locker und freundlich - Satire in VorSICHT März 2012'

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