Gesundheitsfragen
von Klaus Marion
veröffentlicht in initiativ 3/2011


Kaum ist das kleine Unternehmen um ein paar Mitarbeiter gewachsen, werden plötzlich neue gesetzliche Anforderungen aktuell. So ist die Sicherheit des Arbeitsplatzes und die Gesundheit des Mitarbeiters durch einen "Sicherheitsingenieur" zu überprüfen. Dieser stammt meist aus einem dafür spezialisierten Unternehmen und wird stundenweise angemietet. Und er hat oftmals viele gute Ideen, wie man seinen Angestellten die Arbeit besser gestalten kann.

"So Herr Klettenburg. Ich habe mir mal die Arbeitsplätze in Ihrem Betrieb angesehen, und ich muss sagen: alles im grünen Bereich. Die gesetzlichen Bestimmungen sind erfüllt, Stolperquellen ordnungsgemäß markiert, Warnschilder sind aufgehängt, die Mitarbeiter sind gut eingewiesen. Hervorragend."
"Na, dann können wir ja wieder an unsere Arbeit gehen…"
"Moment! Sie haben als Arbeitgeber natürlich auch eine Verantwortung. Und das bedeutet, Sie müssen Kreativität beim Schutz Ihrer Mitarbeiter zeigen. Einfach ein Warnschild aufhängen, das mag gesetzlich momentan in Ordnung sein. Aber Sie müssen auch langfristig das Wohl Ihrer Angestellten im Auge haben."
"Ach…"
"Ja. Ich habe da ein wunderbares Beispiel. Ein Blumenbetrieb hier in der Nähe. Ich habe geprüft - alle gesetzlichen und berufsgenossenschaftlichen Anforderungen waren erfüllt. Trotzdem konnte ich den Chef dazu gewinnen, mit mir ein Pilotprojekt durchzuführen: "Lebenswerter Arbeitsplatz - sicherer Arbeitsplatz - gesunder Arbeitsplatz". Enorm erfolgreich!"
"Das bedeutet?"
"Nun, wir haben mal die Arbeit analysiert, um Verbesserungsmöglichkeiten für die Arbeitnehmer zu finden und konsequent umzusetzen. Nehmen wir mal die Verteilung der Setzkästen. So ein Setzkasten ist ja nicht schwer. Aber wenn ein Mitarbeiter mehrere hundert am Tag auf die Pflanztische setzt, das geht langfristig an den Rücken. Bücken und hochstellen. Da haben Sie bei 10 Leuten ganz schnell permanente Erkrankungen am Hals. Das muss nicht sein. Wir haben lange überlegt und dann eine Lösung gefunden. Eine automatische Anhebemaschine sorgt jetzt davor, dass Rückenprobleme der Vergangenheit angehören. Der Mitarbeiter war begeistert."
"Waren das nicht 10?"
"Nun, die anderen 9 wurden natürlich nicht mehr gebraucht. So eine Hebemaschine arbeitet sehr effizient. Aber es gab Überlegungen, die freigewordenen Arbeitsplätze im Bereich der Bewässerung der Freilandbeete einzusetzen."
"Und…?"
"Wäre möglich gewesen, wenn wir nicht auch hier bedeutende Verbesserungen erzielt hätten. Das ständige Anschließen von nassen Schläuchen, immer wieder dem kühlen Sprühnebel ausgesetzt sein: Personen mit Neigung zu Rheuma könnten hier langfristig Probleme bekommen. Da habe ich intensiv mit dem Chef diskutieren müssen. Aber schließlich konnte ich ihn überzeugen, dass fest verlegte Automatiksprüher, zentral geschaltet und überwacht von einer einzigen Fachkraft, auf mittlere Sicht sogar kostengünstiger sind, als die vielen Arbeiter für die manuelle Bewässerung. Da haben Sie es in Reinkultur: Gesundheitsvorsorge und wirtschaftlichen Gewinn Hand in Hand!"
"Da waren die Mitarbeiter sicher froh…"
"Nun, nicht jedem betroffenen Mitarbeiter war diese Sichtweise sofort klarzumachen. Manchmal ist es für den Einzelnen schwierig, langfristig zu denken. Aber wir haben auf einen Schlag 20 potentielle Rheumatiker vor gesundheitlichen Beschwerden in der Zukunft bewahrt!"
"Und das war alles?"
"Nein! Als nächstes nahmen wir uns die Stecklinge vor. Kennen Sie die Bilder? Dutzende Mitarbeiter setzen Stecklinge in kleine Blumentöpfe und stellen Sie auf Plastikschalen."
"Das ist gesundheitsgefährlich?"
"Nun, nicht in diesem Betrieb. Die waren schon sehr fortschrittlich. Die Mitarbeiter waren keinen Pflanzenschutzmittel ausgesetzt, man trägt sichere Arbeitshandschuhe, die Pausen werden eingehalten. Aber trotzdem: Das ist eine monotone und anspruchslose Arbeit. Das kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Ich sagte daher zu dem Chef: 'Tun Sie Ihren Leuten etwas Gutes! Wenn Sie die Arbeitsabläufe mechanisieren, dann profitieren alle davon. Stellen Sie sich vor, wie glücklich die Leute sein werden, wenn sie nicht mehr tagein, tagaus die gleichen monotonen Arbeiten machen müssen.
"Und…?"
"Das hat man eingesehen und hat eine Robotronic Setzlingmaschine installiert. Alle Setzlinge werden jetzt computergesteuert geplanzt und automatisch verpackt. Verbunden mit der neuen Kommissionieranlage werden auch die zu versendenden Blumen und Pflanzen vollautomatisch zusammengestellt, ohne dass die anstrengende und körperbelastende Palettenarbeit noch länger anfällt."
"Und die Reaktionen?"
"Waren leider unbefriedigend. Die letzten Monate unseres Gesundheitsprojektes wurden ständig durch Demonstrationen von ehemaligen Mitarbeitern gestört, die in Sprechchören gegen angebliche 'Brutale Rationalisierung' und 'Entlassungswellen' protestierten. Ich hatte daher vorgesehen, ein Gesundheitsprojekt 'Lärmschutz' zu initiieren. Seltsamer Weise war die Geschäftsleitung nicht mehr besonders kooperativ. Die Vorteile für die Gesundheit der Mitarbeiter schien man selbst dort nicht sehen zu wollen."
"Und dann?"
"Tja, der Betrieb hatte da nur noch 5 Mitarbeiter, so dass ein weiterer Einsatz eines Sicherheitsingenieurs nicht mehr vorgeschrieben ist. Aber ich würde gerne bei Ihnen etwas für die Gesundheit Ihrer Mitarbeiter tun."
"Äh, Nein!"
"Das ist sehr bedauerlich. Ihre Angestellten würden es Ihnen wirklich danken…"
Der Beitrag wurde am Sonntag, 27. November 2011 veröffentlicht und wurde unter dem Topic Satiren - initiativ abgelegt.
'Gesundheitsfragen - meine Satire aus "initiativ" 3/2011'

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