Rolf Dobelli - Die Kunst des klaren Denkens

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & CO. KG (26. September 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3446426825
ISBN-13: 978-3446426825

Zugegeben, so etwas passiert mir selten: Seit über einem Jahr lese ich die immer wieder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die im Feuilleton versteckten Kolumnen des Schweizers Rolf Dobelli, in der er unter der Headline "Besser Denken" auf weitverbreitete systematische Denkfehler hinweist.
Ich fand diese Abhandlungen so klasse, verblüffend und einleuchtend, dass ich mir schließlich sein Buch gekauft habe, in dem er 52 derartige Denkfehler auflistet und mit Handlungsanweisungen kommentiert - die Buchfasssung seiner Zeitungskolumne.

Und während ich sein Buch lese, und schon in Gedanken meine 5-Sterne-Wertung hier formuliere, wird mir bewußt, dass einige seiner Schlussfolgerungen seiner 52 Kolumnen, bei näherer Betrachtung, selber voller gedanklicher Fehler stecken - und diese sind teilweise viel schlimmer, als die eigentlich beobachtende menschlichen Fehler.
Und damit muss ich meine Wertung verändern: Super interessant zu lesen- aber nur, um dann selber noch einmal über die verbreiteten Gewissheiten kritisch nachzudenken.

Ein Beispiel?

Nehmen wir den Fall Nummer 3 in seinem Buch: Social Proof

Das ist das unbewußte menschliche Verhalten, uns nach dem Verhalten einer Gruppe (sozial oder zufällig) auszurichten. Gibt man Versuchspersonen Dinge zu beurteilen ("welcher Stab ist länger?") so verändert sich deren Antwort, wenn sie im Vorfeld die (falsche) Meinung (eingeweihter) anderer Personen gehört haben. Damit ist nicht die bewußt falsche Antwort gemeint, die wir in Gruppen manchmal geben, um uns nicht außerhalb dieser zu stellen (das nennt sich Groupthink). Nein, es geht um das tatsächliche Glauben, dass die Meinung der anderen richtig ist.
Dobelli erklärt dieses offensichtlich in unseren Genen verankerte Verhalten (sicherlich korrekt) mit dem Evolutionsvorteil aus vergangenen Zeiten. Rennen plötzlich alle Mitglieder meiner Jagdgruppe in Panik los, ist es ein Überlebensvorteil, auch erst mal loszurennen, und dann erst zu fragen. Nachdenkliche und abwägende Charaktere hatten in solchen Zeiten nach der Begegnung mit dem Löwen dann keine Chancen mehr, ihre Gene im Genpool weiterzugeben.

Doch in der heutigen Zeit, sagt er, sei dieses Verhalten falsch. Wir neigen dazu, der Menge zu folgen, obwohl sie gar nicht wissen muss, was richtig und was falsch ist. Wir sollten daher gegen diesen Reflex angehen.
Ein Beispiel läßt er gelten: Wenn ich in einer fremden Stadt das Fußballstadion suche und viele Fußballfans eine Straße entlang gehen sehe, ist dies wahrscheinlich wirklich der Weg ins Stadion.

Und dieses Beispiel weist auch schon den Wenk zum Denkfehler seines Artikels.

Wir müssen nämlich unterschiedliche Fälle betrachten. Tun wir das nicht, landen wir im gleichen Diskussionschaos, wie es bei der Frage "Gibt es eine Schwarmintelligenz" vorherrschend ist. Auch hier stehen sich Befürworter ("Die Mehrheit/das Internet hat meistens recht") den Gegnern ("Die Mehrheit ist meistens doof") unversöhnlich gegenüber und merken gar nicht, dass sie von völlig unterschiedlichen Grundlagen ausgehen.

Ein schönes Beispiel ist da der Publikumsjoker bei "Wer wird Millionär".
Die erste Frage bei seiner Anwendung ist:
Besteht eine Wissensdifferenz zwischen mir und der ausgewählten Gruppe?

Bin ich mir einer Wissenslücke bewußt, die aber nach Erfahrung bei den meisten Menschen nicht besteht, dann ist es sehr vernünftig, im Falle eines Falles der Gruppe zu vertrauen. Heißt also die Frage "Wer wurde Deutscher Fußballmeister 2005", so finde ich wahrscheinlich in einem durchschnittlichen Studiopublikum einen höheren Kompetenzlevel als bei mir. Ich weiß so etwas meistens nicht.
Im Prinzip gilt dies auch für den Fall, dass mein Wissen nur ein klein wenig niedriger ist, als der des Rests. Höre ich dann wiederholt auf die Mehrheit, habe ich im Schnitt bei einer bestehenden Wissenslücke statistisch besser gehandelt, als wenn ich mich ganz auf mich alleine verlassen hätte. Das gilt sogar, wenn ich und die meisten uns in unserem Wissen gar nicht unterscheiden. Ist die Gruppe nicht zu groß, dann erzeugen bereits einige wenige Wissende (die dann alle ja der gleichen richtigen Meinung sind) bereits einen über der Standardabweichung liegenden Peak bei einer Antwort. Also auch hier ist es sinnvoll, auf die Mehrheit zu hören.

Allerdings: Dies gilt nur für wiederholte Entscheidungen, bei denen sich Zufälle letztendlich ausgleichen können.
In einer Entscheidung auf Leben und Tod grundsätzlich auf die Mehrheit zu vertrauen, bringt keinen Vorteil! Die tragischen Todesfälle bei Bränden in Diskotheken oder Theaterhallen, bei denen hunderte Menschen erstickt und verbrannt sind, weil sie den Notausgang nicht fanden und in einer Sackgasse gelandet sind, ist ein Beispiel für den Moment, wo man den eigenen Reflex hinten an stellen und das Gehirn aktivieren muss. Einfach jemandem bzw. allen anderen zu folgen kann richtig oder falsch sein - eine Chance, eine mögliche falsche Entscheidung statistisch auszugleichen, habe ich da leider nicht. Trotzdem gilt hier: Kenne ich die Disco nicht, ist meine Chance höher, den einheimischen Gästen zu folgen. Bin ich einer der wenigen Einheimischen, dann sollte ich meir Erinnerung und nicht den Touristen folgen!

Denn ganz anders liegt natürlich der Fall, wenn ich mehr weiß als die relevante Gruppe. Stehe ich auf einer beliebigen Party, und das Gespräch kommt auf eine IT-Frage, oder etwas zum Thema Science Fiction, dann wäre ich blöde, wenn ich meine Meinung oder Entscheidungen von der Meinung dieser Gruppe abhänigig machen würde. Ich habe in diesen Themen nicht immer recht - aber statistisch weiß ich mehr als eine zufällige Gruppe von Personen.
Was anderes ist es natürlich, wenn die Party auf einem Science Fiction Con stattfindet - da sollte ich meine Sondermeinung oder mein Sonderhandeln genau überdenken.

Entscheidend ist auch, was ich mit meiner Entscheidung bewirken will. Es ist eine Fragen von Kosten und Ertrag.
Nehmen wir das angeführte Fußballspiel. Ich bin fremd in der Stadt und kenne den Weg nicht. Es ist sinnvoll und nicht verkehrt, den anderen Fans hinterherzudackeln. Vielleicht ist es nicht der schnellste Weg, aber er führt höchstwahrscheinlich zum Ziel. Wenn ich vom Weg jedoch abweiche, in der Hoffnung, eine Abkürzung zu finden, dann gewinne ich im besten Fall ein paar Minuten Fußweg. Im schlechtesten Fall finde ich den Weg nicht und verpasse das Spiel. Hier steht möglicher Ertrag und möglicher Verlust in keinem vernünftigen Verhältnis. Unser ganzes Leben ist voll mit solchen Entscheidungen: Stelle ich mich an die Kassenschlage im Supermarkt an, die als einzige nur ein fünftel so lang ist wie alle anderen Schlangen?
Die meisten tun dies nicht - obwohl sie im Erfolgsfall damit ihre Wartezeit deutlich verkürzen könnten. Der Gedanke dabei ist: Vielleicht ist die Kasse kurz vor dem Schließen? Vielleicht ist der Kassierer ein Anfänger, und es dauert 5 mal so lange, bis eine Kunde abgefertigt ist? Da ich ja als Wartender neu hinzugekommen bin, habe ich nöchstens gleich viel Informationen wie alle anderen (=keiner weiß etwas). Oft fehlt mir aber Informationen (die Beobachtung der anderen Wartenden), also ist es insgesamt sinnvoll, das zu tun, was alle tun. Langfristig fahre ich damit besser.

Wenn jedoch der Ertrag einer richtigen Entscheidung sehr hoch ist, im Gegensatz zur Strafe einer falschen Entscheidung, bei einem hohen Anteil von Zufall, dann macht es Sinn, gegen den Strom zu schwimmen und nicht auf die Mehrheit zu hören.

Typisches Beispiel ist die Firmengründung.
Wenn ich nichts habe und ein Unternehmen gründe, dann mag dies bei 50 Gründungen (bei allen Zufällen und Unwägbarkeiten) einmal gut gehen und 49 mal scheitern.
Wenn dies durch hohen Zufallsanteil unterfüttert ist, dann macht es aber nicht nur einen Unterschied, ob der Treffer (die Firmengründung, die ein rauschender Erfolg wird) am Anfang kommt (denn dann brauche ich keine weiteren Versuche mehr zu starten), sondern auch, ob ich das tue, was alle tun, oder mein eigenes Ding mache. Denn im ersteren Fall wird die Erfolgsdividende nur mittelmäßig sein, wo hingegen ich bei einem Sonderweg ein viel höhere Chance eines ganz großen Erfolgs habe.
Nebenbei gesagt, sind die Kosten des Risikos bei einer Neugründung klein (ich habe nichts zu verlieren), der Ertrag bei einem Erfolg aber sehr groß. Und zwar umso größer, je mehr ich mich von der Mehrheit unterscheide.

Und schließlich: Noch ein völlig anderer Fall liegt vor, wenn es noch gar keine Lösung für ein Problem gibt, oder wenn es um etwas Neues oder eine Erfindung geht. Denn hier gilt der Umkehrschluss: Wenn es so wäre, wie alle denken, dann hätte man die Lösung schon gefunden. Das ist das typische Problem von Radiosendern. Im Bemühen, genau das zu spielen, was die Leute mögen, fragt man die Mehrheit nach Ihrer Meinung und spielt genau dies. Dass aber hier (oder im Film, in der Literautur, in der Kunst) die besten und schönsten Dinge zum Zeitpunkt ihrer Entstehung absolut neu waren, also auch von keiner wie immer geahrteten Mehrheit erdacht wurden, sondern von der abweichenden Meinung eines einzelnen produziert wurde, wird oftmals vergessen.
Mehrheitsentscheidungen in künstlerischen Bereichen enden im Status Quo und im mäßigen Durchschnitt.

Und bei Fragen, bei denen eine die richtige Antwort mangels Erfahrung oder hohem Zufallsanteil gar nicht existiert, versagt jegliche Entscheidungsfindung (zum Beispiel bei der Frage der Griechenlandrettung). Hier hält man es wie beim Lottospielen: Wenn wir schon ein Glücksspiel machen, dann setzen wir auf Zahlen, die von der Mehrheit nicht gewählt werden. Das verändert zwar nicht die Gewinnwahrscheinlichkeit, erhöht aber den Gewinn im Fall eines Treffers.

Was schließen wir jetzt daraus? Social proof (oder Schwarmintelligenz) macht dort Sinn, wo ich weniger weiß als andere, oder höchstens genau so viel, und die befragte Gruppe nicht zu groß ist (sonst versinken die Wissenden im Meer der ebenfalls Unwissenden).

Schwarmintelligenz und social proof macht jedoch keinen Sinn, wo es um Erfindungen oder um Neues geht, oder wo der Ertrag im Erfolgsfall sehr hoch, und der Verlust bei Irrtum eher klein ist.
Hier sollte man tatsächlich jedem Herdentrieb widerstehen und es mit Udo Lindenberg halten: Ich mach mein Ding!

Und so macht der Autor Rolf Dobelli in seinem Kapitel einen ebenfalls typischen menschlichen Gedankenfehler: Er sieht nicht, dass unterschiedliche Fälle ganz unterschiedliche Voraussetzungen haben. Er schließ vom Einzelfall auf Ganze. Und das geht leider meistens schief.

Schade eigentlich. Auf der anderen Seite macht es Spaß, solche Lücken zu finden. Und so werde ich mich wohl noch öfters hier mit seinen Ideen auseinandersetzen...
Der Beitrag wurde am Montag, 21. November 2011 veröffentlicht und wurde unter dem Topic Buecher abgelegt.
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