Terror
von Klaus Marion.
Veröffentlicht in VorSICHT 5/2015


Es schien einer jener entspannten Wochenendabende zu sein, wo man von Freunden zu einer gemütlichen Feier im größeren Kreis in ein nahegelegenes Restaurant eingeladen wird:
Viele meist unbekannte Leute bevölkern die Tische, es stehen freie Getränke bereit, das Essen am Buffet ist lecker, die Nachtische umfangreich, und am Tresen gibt man sich als Bruder des Gastgebers aus und bestellt sich unauffällig die Weine und den Champagner, die der Gastgeber aus finanziellen Gründen nicht ausschenken wollte.
Man unterhält sich zwanglos mit den Tischnachbarn über Weltpolitik und Bundesligafußball, döst über zwei oder drei Geburtstagsreden hinweg, um dann gegen Mitternacht im Taxi zufrieden nach Hause zu fahren.


So begann auch dieser Abend, bis ich nach dem zweiten Durchgang am Vorspeisenbuffet den verdächtigen Mann mit dem großen schwarzen Koffer erblickte. Er bewegte sich mit seltsam rhythmischen Schritten vorwärts, die meine Sinne sofort alarmierten.
Er schien mittleren Alters zu sein, gedrungen, schwarz gekleidet, und seine tückischen Augen und sein fokussierter Blick erhöhten sofort meine Vorsicht. Ich beugte mich zu meiner Frau vor.
"Siehst Du den komischen Typ da mit seinem Koffer! Der gefällt mir gar nicht!"
Meine Frau blickte suchend umher
"Ich weiß nicht, wen Du meinst.."
"Na, diesen Kerl da! Mit dem Koffer! Ich kann Kabel sehen!"
Ein schneller Blick in die Runde bewies mir, dass ich nicht der einzige Mann war, der mit wachsendem Argwohn die Arbeiten des Fremden beobachteten.
"Ach der! Das ist der musikalische Alleinunterhalter für den Abend. Zum Tanzen!"
TANZEN??
Mit Panik blickte ich um mich. Tanzen? Wieso das denn? Wer will das denn?
Während die ersten Takte von Musik erklangen, trafen meine Blicke andere angstgeschüttelte Schicksalsgenossen im Raum. Wir Nichttänzer erkennen uns sofort. In Jugendjahren waren wir immer die DJs oder Organisationsverantwortlichen für die Schuldisco, was uns einen akzeptablen Grund lieferte, keinesfalls auf die Tanzfläche zu können, wo wir wegen fehlendem Rhythmusgefühl und mangelnder Körperkoordination zu einem lächerlichen Gesamtbild führen würden.
Die Tanzstunden wollten wir natürlich auch nicht besuchen, da tagte schließlich die Aktionsgruppe "Schützt den Hamster". Oder es gab Fußball im Fernsehen. Oder irgendetwas halt.
Hauptsache nicht tanzen. Zumal mir Theorie und Praxis des Tanzes nie zu vermitteln war. 1 und 2 und 3 und äh Links…?
Leider sehen Frauen das irgendwie völlig anders. Bei allen weiblichen Besuchern des unerwartet so bedrohlich gewordenen Festes schien ein seliges Lächeln von ihnen Besitz zu ergreifen. Selbst bei dem 3 Monate alten Säugling eines jungen Paares am Tisch gegenüber.
Es wurde Zeit, die bedrohlichen Dinge in einer massiven Vorwärtsverteidigung im Ansatz zu Fall zu bringen. Ich blickte bedenklich den Kopf wiegend in die Runde.
"Ich habe gelesen, dass Tänze das Risiko einer Meniskusverletzung verzehnfachen! Und der gesamtwirtschaftliche Schaden durch Arbeitsausfall ist enorm!"
Mein männliches Gegenüber blickte mich an.
"Also, meine Frau und ich tanzen gerne. Komm Schatz, wir sollten mal ein Tänzchen wagen!" Alle Frauen starrten den Beiden bewundernd nach.
So ein mieser Verräter! Dich treffe ich auch noch mal in einer dunklen Ecke! Was jetzt? Ich räusperte mich.
"Habe mir heute beim Joggen eine üble Zerrung an der Wadeninnensehne zugezogen. Kann kaum mehr auftreten." Acht bleiche Geschlechtsgenossen am Tisch bestätigten umgehend gleichartiges Verletzungspech. Am Nachbartisch täuschte ein Mann einen Herzanfall vor und wurde von zwei Helfern nach draußen getragen. Clever.
Ich legte nonchalant meine Serviette beiseite und begab mich betont humpelnd zu den Sanitäranlagen. Sie waren überfüllt von verzweifelten Nichttänzern.
Nach 10 Minuten verließ ich das Örtchen wieder, wanderte betont zurückhaltend zur Veranstaltung zurück und ging zum Tresen. Im Hintergrund des Raumes konnte ich erkennen, dass meine Frau sich suchend nach mir umdrehte.
Ich wandte mich an den Kellner und schob ihm einen 20 Euroschein zu.
„Sagen Sie mal...“
„Nichttänzer?“
„Ja.“
„Nebenraum hinten rechts. Zweimal kurz, 3 mal lang klopfen. Parole: Tanzmuffel.“
Ich bedankte mich kurz und rannte los, während hinter mir von einer enthemmten Teilnehmerin „Damenwahl!!“ gefordert wurde. Entwürdigend.
Der genannte Nebenraum war von geflohenen Schicksalsgenossen überfüllt. Man machte mir bereitwillig Platz. Mit gedämpften Stimmen erzählten wir unser Schicksal, während der Kellner konspirativ immer wieder Getränke in den Raum reichte.
„Ich trete immer auf die Füße der Tanzpartnerinnen. Gerade beim Walzer. Ich habe mindestens schon 20 Paar Schuhe ruiniert!“ Nervöses Nicken der anderen begleitet dieses Geständnis. Ich griff nach einem weiteren Schnaps. Walzer? Wie ging das?
Links. Rechts. Links. Rechts... Nein, das war die Bundeswehr.
Nun, Hauptsache, ich war erst einmal hier sicher...
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. „Ach da seid ihr! Jetzt kommt, es kann getanzt werden!“
An die nachfolgenden Ereignisse möchte ich mich nur sehr ungern erinnern.
Mein Therapeut hat mir aber versichert, dass das Trauma schon in einigen Jahren abklingen werde.
Der Beitrag wurde am Mittwoch, 23. September 2015 veröffentlicht und wurde unter dem Topic Satiren - VORSICHT abgelegt.
'Meine VorSicht-Satire 5/2015'

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