Der Kredit
von Klaus Marion.
Veröffentlicht in initiativ 2/2015

Perfekt mit dem Smartphone

Den Geschäftsmann von Welt erkennt man heutzutage an der Art, wie er mit seinem Smartphone an jedem Ort locker und selbstverständlich seine Telefongespräche führt, seine Termine organisiert und mit einem Fingerdruck den finanziellen Status seines Unternehmens im Blick hat.
Leider kommen viele Manager und Chefs mit dieser Technik nicht wirklich zurecht. Zeit, hier Abhilfe zu schaffen.

Ich blätterte gerade gelangweilt durch die Werbepost, als mein Blick an einem Flyer mit einer rätselhaften Seminareinladung hängenblieb: "Smartphone Management – ultimativer Erfolg mit dem Handy."
Ich stöberte ein wenig in dem Prospekt. Es war ein Tagesseminar, dass, wie ich feststellte, von meinem alten Freund Rudi angeboten wurde, dessen sonstige Seminarreihen wie "Esoterik für Finanzfachkräfte" oder "Joga im Kundenmeeting" in lokalen Wirtschaftskreisen nicht unumstritten waren. Da mich das neue Thema jedoch neugierig machte, rief ich Rudi an, welcher mich prompt einlud, mir am darauffolgenden Samstag das Tagesseminar einmal anzuschauen.
Als ich am angegebenen Tag etwas verspätet im Seminarraum eintraf, waren die anwesenden Personen schon mit praktischen Übungen beschäftigt. Ein kurzer Blick ergab rund 20 Damen und Herren mittleren Alters, jeder an einem kleinen Besprechungstisch sitzend. Alle waren jeweils mit einem Smartphone beschäftigt.
Rudi stand vorne und gab prononcierter Anweisungen.
"Nicht zucken! Es muss eine gleitende Bewegung sein. In die Hosentasche greifen, das Handy packen und elegant über den Tisch bringen! Nein, wer in der Hosentasche herumsuchen muss, hat schon verloren! Und nicht das Gerät fallen lassen! Wie peinlich ist das denn? Für die Damen: Die Handtasche einhändig öffnen, blind hineingreifen und mit einer eleganten Bewegung zücken. Dabei einfach weiterreden. Nicht zögern! Es muss absolut natürlich und elegant aussehen! Bitte: Noch einmal üben.
Rudi schlenderte zu mir herüber.
"Siehst Du, diese Seminarreihe ist der absolute Renner! Jeder will so cool wie George Clooney oder Angelina Jolie mit dem Handy umgehen, nur keiner kann das wie im Film. Da klingelt das Handy, und die Suche fängt an. Das Verhandlungsgespräch stockt, wo ist denn der Knopf für das Lautlosschalten? Panik! Wie drücke ich das Gespräch weg? Eine kurze Rück-SMS schicken? Wie komme ich an die Nachrichten-App? Keiner von denen kann das richtig locker und elegant. Daran arbeiten wir hier!" Er richtete sich auf.
"Nein!! Sie müssen mit dem Finger den Schalter an der Seite ertasten und dann blind das Gerät richtig drehen! Wie sieht das denn aus, wenn Sie ihr Telefon mit der Rückseite ans Ohr halten??"
Rudi dämpfte etwas seine Stimme.
"Der durchschnittliche Manager ist völlig überfordert. Telefonieren geht grad noch – dabei wissen die bei diesen modernen Smartphones oftmals gar nicht, wie sie eine Wahlwiederholung machen, oder wie man ein Gespräch ablehnt und auf die Mailbox schickt. Hier üben wir die grundsätzlichen Dinge. Faustregel: Niemals nach einer Telefonnummer in einem Smartphone suchen. Wenn 10 Leute zuschauen, klappt das sowieso nicht. Wo ist die Adresse? Welcher Gruppe gehört sie an? Wie wähle ich die richtige Kommunikationsform aus? Nichts ist peinlicher, als wenn man unrasiert den Geschäftspartner statt telefonisch versehentlich mit einem Videoanruf zu erreichen versucht." Er wandte sich wieder den Seminarteilnehmern zu.
"Sehr schön. Kurze Pause! Danach üben wir erneut das verdeckte Eintragen von Terminen, ohne dass der Gesprächspartner etwas sieht!" Schweißüberströmte und ausgepumpte Kursteilnehmer strebten erleichtert zu den bereitstehenden Erfrischungsgetränken.
"Oh, Du sprichst auch den Daten- und Geheimnisschutz bei Smartphones an? Sehr vernünftig. Was da ein Zuschauer mit einem Blick erhaschen kann…"
"Geheimnisschutz? Blödsinn. Wir üben hier das Verstecken der Tatsache, dass das Smartphone gar nicht eingeschaltet ist!"
"Wie bitte??"
"Na, schau Dir doch diese Leute an. Das sind doch keine Technik-Nerds, die mit diesen komplizierten Teilen umgehen könnten. Das sind gestandene Manager, die nach Jahren von Berufserfahrung im Bereich Kunststofftechnik oder chemischer Verfahrensanalyse plötzlich an so ein Spielzeug herangeführt werden. Die sollen jetzt mit dem dicken Zeigefinger auf einem Mäuseklavier auf dem Bildschirm komplizierte Termine mit Benachrichtigung, Termineinladungen und Raumreservierungen managen? Die haben doch schon Probleme, die richtige App auf dem Smartphone wiederzufinden! Ne ne, da ist mein pädagogisches Konzept ein ganz anderes: Die Teilnehmer lernen hier, wie sie nur so tun, als ob sie etwas in ihrem Hightech-Teil eintragen oder nachschlagen."
"Aber…"
"Du glaubst gar nicht, wie befreiend das wirkt! Statt verzweifeltem Suchen nach der EMail-App, der Notizenfunktion oder dem Adressverzeichnis kann der Manager auf den schwarzen Touchscreen des Handys starren und frei fabulieren: 'Oh, da werden wir kaum einen Termin finden können – Rufen Sie doch bitte meine Sekretärin an!' Oder 'Ihre EMail hat mich noch nicht erreicht. Sind Sie sicher, dass der Mailserver Ihrer Firma wirklich arbeitet…?' Jetzt wird das Gegenüber nervös werden und verzweifelt mit seinem IT-Leiter oder der Sekretärin telefonieren – wenn er das auf seinem Smartphone überhaupt hinbekommt."
Rudi wandte sich an seine Kurs-Teilnehmer.
"Ja, Frau Dr. Meyerfeldt! Sehr gut. Bitte, meine Damen und Herren, schauen Sie sich das mal an: Soo muss es sein! Frau Dr. Meyerfeldt zieht das Smartphone in einer eleganten Bewegung hervor, jaa, beachten Sie die kurze Erwähnung des "neuen 128 GByte iPhones", sehr überlegen und einschüchternd. Jetzt mit einer vornehmen Haltung das ausgeschaltete iPhone vom Gegenüber weghalten (achten Sie bitte immer auf in Ihrem Rücken stehende Personen!), und dann mit schnellen Berührungen auf dem schwarzen Bildschirm vorgeben, dass Sie einen Termin abfragen wollen. Jaa, ein Hochziehen der Augenbraue. Leider nichts frei! Und dann ein flinkes Einstecken des Gerätes. Elegant, so muss das sein! Perfekt! Bitte Beifall!"
Rudi wandte sich wieder mir zu. "Siehst Du? Geht super. Das wäre doch auch was für Dich? Nächstes Wochenende habe ich noch einen Intensiv-Kurs im Programm. Hättest Du nicht Lust, daran teilzunehmen?"
Ich starrte angestrengt auf mein Smartphone und scrollte mit dem Finger über Bildschirm.
"Du, das klappt leider nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich so einen Kurs nötig habe. Du verstehst."
Ich verabschiedete mich schnell.

Ein Glück, dass er nicht gemerkt hat, dass mein Smartphone ausgeschaltet war.
Der Beitrag wurde am Mittwoch, 23. September 2015 veröffentlicht und wurde unter dem Topic Satiren - initiativ abgelegt.
'Meine Satire im Wirtschaftsmagazin INITIATIV 2/2015'

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